Das Segeln und die Fitness

Wie fit Segeln machen kann, zeigt sich beim sportlichen Segeln mit einem A-Cat

Die körperliche Verfassung

Irgendwie bin ich einfach mit verschiedenen Sportarten aufgewachsen. Skifahren tue schon seit ich drei Jahre alt bin und seit ich 17 Jahre bin, habe ich dann im Verein Eishockey gespielt (leider viel zu spät). In diesen Sportarten habe ich auch Trainerlizenzen erworben. Meine Leidenschaft galt aber schon früh dem Segeln. Die Sonne, der Wind und dann am Wasser praktisch ohne Mühe mit einem Schiff dahin zu segeln – das ist phantastisch.

Meist hat man ja das Bild von einer größeren Yacht im Kopf, bei der die ganze Familien mit segelt. Auf solchen Booten kann man auch übernachten und es überwiegt der Komfortgedanke. Einen hohen Entspannungsfaktor hat diese Art des Segelns immer.

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Foto Pixabay Segelyacht

Da ich das Segeln auf oberbayerischen Seen gelernt habe, bin ich früh mit dem Jollensegeln in Berührung gekommen. Als Kind natürlich als Vorschoter. Also war mein Aufgabe das Vorsegel zu bedienen, für den Gewichtstrimm zuständig zu sein und wenn’s dann nicht gelaufen ist, war ich immer automatisch  „schuld“.

Später habe ich mich dann auch an die Pinne (Steuer) getraut, war dann der Chef im Boot und für alles auch verantwortlich.

Gesegelt sind wir damals nur, wenn auch kräftiger Wind blies. Dann hieß es ausreiten – also die Füße unter einen Gurt schieben und den Oberkörper bis zu den Knien über Bord fallen lassen – um den Gewichtstrimm zu optimieren. Das hat riesigen Spaß gemacht.

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Foto by Widmarsimon Pixabay Lasersegeln

Segeln mit sportlicher Note – das Trapezsegeln

Noch ein Stufe sportlicher war dann das Trapezsegeln. Dabei kriegt man an Land einen Gurt umgeschnallt, mit einem Haken dran. An diesem hängt man sich an ein Drahtseil ein. Dieses Drahtseil ist oben am Mast befestigt. Wenn man also an diesem Drahtseil zieht (Trapez) kann man noch leichter den Gewichtstrimm optimieren. Beim Trapez-Segeln wird man also von einem Draht an diesem Gurt gehalten und kann sich nicht nur über den Bootsrumpf hinaus lehnen, sondern hinaus stellen – nur die Füße sind dann noch mit dem seitlichen Deck in Berührung. Es hängt also der gesamte Körper außerhalb vom Boot.

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Foto by Skeeze Pixabay Trapezsegeln mit 470

Bei einer Wende muss man sich dann schnell ins Schiff ziehen, aushängen, unter dem Großbaum tauchen und sich auf der anderen Seite wieder im Trapez einhaken und dann raus hängen.

Manchmal passiert es auch, dass der Steuermann an der Pinne nicht aufpasst und das Segelschiff zu stark in den Wind dreht. Dann hört der Wind auf zu drücken und durch das Gewicht des im Trapez stehenden Seglers, kippt das Boot in Richtung Wind. Die Luv Kenterung droht.

Hier ein Beispiel für einen verlorenen Steuermann
Das ist der Moment einer Volldusche für den Vorschoter.

Als „Getauchter“ krabbelt oder zieht man sich ins Boot zurück und wenn das Wasser nicht zu kalt ist, segelt die Crew einfach weiter.

Die Leidenschaft des Segelns

Um so leidenschaftlicher man den Sport dann ausübt, umso besser muss die Ausrüstung sein: man zieht also einen Neoprenanzug an, trägt Handschuhe und fühlt sich schon viel professioneller. Und trotzdem finde ich es am Schönsten, wenn es schon wärmer ist und man in einer Short und einem T-Shirt zum Segeln geht. Den Trapezgurt hat man natürlich dabei und auch Spezialschuhe, um jederzeit ins Wasser steigen zu können und einen guten Stand im Trapez zu haben.

Einhandboote sind dann oft noch eine Nummer sportlicher

Bei meinem A-Cat (Einhandkatamaran) muss ich alles alleine machen: steuern, die Großschot bedienen, den Traveller bedienen, mich ins Trapez hängen und mich bei der Wende schnell wieder aufs Trampolin (so heißt der Stoff zwischen den Schwimmern) ziehen.

Anfangs habe ich gelächelt, doch nach einer Stunde segeln bei Föhnsturm spürt man die Oberschenkel, die Schultern und den ganzen Körper ganz intensiv. Am nächsten Morgen spürt man noch mehr Stellen am Körper noch intensiver.

Und genau seit diesem Moment weiß ich, das mich A-Cat Segeln mein weiteres Leben fit halten wird.

Im Winter mache ich manchmal Fitnessübungen am Rudergerät, um den Rücken zu stärken, habe mir eine „Black Roll“ gekauft, um meine Wirbel wieder in die richtige Position zu bringen und fühle mich jetzt im Frühjahr 2016 schon wesentlich fitter als die letzten Jahre. Aktuell mache ich zusätzlich das Schilcher-Training und komme so immer besser in Form.

Die Konzentration

Sobald ich den Segelclub betrete, fällt der ganze Stress des Tages von mir ab. Die Gedanken sind sofort beim Segeln und dem Aufriggen. Also wird das Segel kontrolliert, rauf gezogen, die Schoten und Fallen kontrolliert und umgezogen.

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Foto: Petra Rossteuscher Los geht’s mit dem A-Cat

Noch ein letzter Check und das Boot wird ins Wasser geschoben. Schnell den Slipwagen zurück schieben, aufs Boot klettern, die Schwerter hinunter schieben und auch die Ruderblätter, die Großschot einhängen und los geht’s.

Weil am Schliersee immer Menschen, Fischer und Schwimmer sind, muss man sofort das Wasser beobachten. Wo kommt nun der beste Wind her, welcher Kurs ist sinnvoll und wann muss ich den Kurs ändern? Genau diese Gedanken sind essentiell. Wer jetzt nicht aufpasst, findet sich schneller im Wasser als einem lieb ist.

Der A-Cat hat nur 75 kg Gewicht. Ich wiege knappe 95 kg. Wenn ich mich also falsch bewege und noch Wind ins Segel kommt, kann dies schnell zum Kentern führen.

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Foto: Petra Rossteuscher Miniregatta der beiden A-Cats vom Schliersee

 

Zudem hat der A-Cat keinen Verklicker. Dies ist eine Anzeigeeinrichtung bei anderen Booten an der Spitze des Mastes, welche den wahren Wind zeigt. Wir A-Cat Segler haben nur zwei kleine Fäden am Vorliek als Windanzeiger und „sehen“ so den Wind.

Die Beobachtungen umfassen also: die Windanzeiger, die Trimmfäden am Segel, die Wellen und Kräuselungen der Wasseroberfläche, um abschätzen zu können, wann die nächste Bö kommt. Ach ja und da sind dann noch Schwimmer, andere Boote, das Wegerecht mit dem geklärt wird, welches Segelboot wann Vorfahrt hat und die Passagierschifffahrt…

Am Schliersee kann es vorkommen , dass zwei Segelschiffe aufeinander zu fahren und beide haben das Segel auf der Backbordseite. Es segelt also ein Boot mit Westwind und keine 50 Meter weiter das andere Schiff mit Ostwind. Das bedeutet, dass in den nächsten Sekunden der Wind um 180° dreht, der Baum auf die andere Seite schlägt und man sehr flink sein muss, um dann den Gewichtsausgleich noch zu schaffen – sonst kentert man.

Es sind also so viele Parameter zu beachten, dass man völlig konzentriert sein muss. Und genau diese Konzentration, an der frische Luft zu sein und die Stille am Wasser macht den besonderen Reiz aus. Selbst wenn so ein Ausflug nur eine Stunde dauert, ist dies eine mentale Reinigung – ähnlich wie eine Meditation.

Belohnt wird so eine Trainingseinheit dann mit einem alkoholfreien Bier (Lammsbräu Dunkel alkoholfrei) und Butterkeksen. Diese Erfrischung rundet die vielen Eindrücke des Auges perfekt ab. Das ist für mich ein Stück Lebensgefühl.

Geistige Flexibilität

Ich habe in zwei Sportarten in jungen Jahren die Trainerausbildung absolviert. Dabei habe ich meist gelernt, was ich alles noch nicht kann. Die Ausbildung schult natürlich auch den Blick für falsche Bewegungsabläufe und verbessert das Verständnis ganz allgemein für den Sport. Die normale Schule war für mich eher langweilig und öde, weil ich auch den Sinn der Schule nur selten verstanden habe. Wenn ich dagegen selber unterrichtet habe, waren die Voraussetzungen immer besonders: meine Schüler wollten etwas lernen.

Heute gebe ich Segel- und Motorbootunterricht am Chiemsee (bei der Wassersportschule Rosenheim) und freue mich über jeden Lernerfolg meiner Schüler.

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 Foto by Petra Rossteuscher Chiemsee mit Fraueninsel

Ich kann viele Fragen zum Steuern und zum Trimm von Segelbooten beantworten, weil es mich selbst interessiert und ich die Physik hinter den Abläufen verstehen will.

Wird es langweilig?

Beim Segeln ändern sich fast dauernd die Verhältnisse und auch ein gleichmäßiger Wind „zittert“ um seine Hauptrichtung (meist so um die 5 Grad). Und weil eben noch nicht alle Phänomene des Segels völlig verstanden sind, können auch verschiedene Aspekte immer wieder hinterfragt werden. Das ist phantastisch.

Wie kann man den Nutzen von geistiger Flexibilität erahnen?

Anders als beim Fußball braucht man beim Segeln eben auch ein intellektuelles Verständnis. Ich erinnere mich noch gut an die Glanzzeit vom Hamburger SV. Diese deutsche Fußball Mannschaft konnte den Ball laufen lassen. Die Spiele wurden durch zwei herausragende Spieler gewonnen: Manni Kaltz der Verteidiger, der Bananenflanken schlug und Horst Hrubesch – das Kopfballungeheuer. Kaltz hat also vom Flügel den Ball genau auf den Kopf von Hrubesch gezirkelt und der hat per Kopf ins Tor getroffen – einfach, präzise und wirkungsvoll. Damit wurde der HSV Europapokalsieger der Landesmeister.

Braucht es also nur eine gute Schusstechnik und eine gute Sprungkraft um erfolgreich beim Fußball zu sein?

Dazu muss ich noch weiter ausholen: ein interessantes Beispiel hierfür ist Dirk Nowitzki. Im Alter von 14 Jahren wurde Nowitzki von Holger Gschwindner entdeckt – einem ehemaligen Nationalspieler im Basketball. Holger Gschwindner hat ihm dann alle Tricks gelernt, hat ihn auf allen Positionen spielen lassen – um das Spiel auch aus dieser Sichtwarte der unterschiedlichen Positionen und Laufwege zu verstehen. Das ist noch alles verständlich. Und dann kam der entscheidende Schritt. Dirk Nowitzki musste Bücher lesen, um geistig flexibler zu werden.

Die geistige Flexibilität macht den Unterschied

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass mangelnde geistige Flexibilität es viel schwerer macht, Situationen auch einmal anders zu interpretieren. Viele Profisportler meinen, dass es reicht, nur schnell zu sein. Genau aus diesem Grund wird oft verständnislos schlechter Fußball gespielt. Übrigens sind auch viele Trainer von eher einfacher Struktur. Und die sollen dann ihren Schülern gedankliche Flexibilität beibringen?

Zurück zum Segelsport: hier sind einfach viele Gegebenheiten zu beachten. Ständig ändern sich die Dinge, wenn ich nicht aufpasse, gibt es einen Zusammenstoß und vielleicht sinkt dann mein Schiff…

Es gibt also durchaus auch existentielle Bedenken.

Von November bis März / April ist ja an den Bayrischen Seen Winterruhe.

Fit werden und fit bleiben

Was bleibt mir in dieser Zeit also übrig? Ich muss Literatur zum Segeln lesen, vertiefe mein Wissen weiter in die Richtungen Aerodynamik und Wettfahrtregeln. Das ist meine Art geistig flexibel zu bleiben.